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Grenzenlose Liebe – Traum oder Wirklichkeit?

von Kerstin Marzinzik - Impressum & Datenschutz   ·   01.02.2018   ·   6 Minuten Lesezeit

Manchmal träume ich von einem »Ozean voll Liebe«, von grenzenloser Liebe, die alles erfüllt und umhüllt. Von einem Ort, an dem es keinen Streit, kein Gemecker und Geschimpfe gibt. Wo jeder angenommen und akzeptiert wird, so wie er ist – mit all seinen Fehlern und Schwächen. Wo kein böses Wort zu hören ist. Wo keiner schlecht über den anderen redet. Wo alles, was gesagt werden muss, liebevoll und demütig gesagt wird, ohne den anderen zu beschämen und schlecht zu machen. Wo ganz viel Wohlwollen ist. Wo jeder auf das Wohl des anderen bedacht ist. Wo sich jeder wohlfühlt. Wo nur Liebe herrscht …

Wie schön wäre es, wenn man das in Familien erleben würde. Und wie schön wäre es, wenn man das in der Familie Gottes, der Gemeinde, erleben würde. Wenn die Gemeinschaft der Christen von Liebe gekennzeichnet wäre. Wenn wir uns genau so lieben würden, wie Gott uns liebt. Denn genau dazu sind wir berufen:

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Joh 13,34-35)

Gottes Liebe ist groß – sehr groß. So groß, dass Gott seinen einzigen, geliebten Sohn opferte, um uns zu retten. Sind wir auch bereit, »Opfer« zu bringen, um unserem Nächsten Gutes zu tun? Sind wir bereit, eigene Annehmlichkeiten, Bequemlichkeit, Zeit oder Geld zu »opfern«, um anderen zu helfen? Wie weit reicht unsere Liebe? In der oben zitierten Bibelstelle sagt Jesus, dass man an unserer Liebe untereinander erkennen können soll, dass wir seine Jünger sind. Wenn wir untereinander keine Liebe üben, haben wir Gott »nicht erkannt«:

Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe. (1.Joh 4,7-8)

Wenn die Liebe fehlt, ist all unser Tun wertlos, wie Paulus in 1. Kor 13,1-3 feststellt. Das sind herausfordernde Aussagen – aber bedenkenswert. Natürlich weiß auch Gott, dass wir es nicht schaffen werden, so zu lieben, wie er uns liebt. Das soll uns nicht entmutigen. Vielmehr sollen wir uns anspornen lassen, in der Liebe zu wachsen. Das lohnt sich – sowohl für diejenigen, die wir lieben, als auch für uns selbst. Denn anderen Liebe zu zeigen, bereitet Freude. Außerdem ist die Liebe etwas Ewiges. »Die Liebe vergeht niemals« (1.Kor 13,8). Die Liebe ist die größte christliche Tugend.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe. (1.Kor 13,13)

Die Liebe wird auch bei der Aufzählung der Früchte des Geistes in Gal 5,22 als erstes genannt. Was wiederum darauf hinweist, dass die Liebe an erster Stelle steht.

Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit; gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz. (Gal 5,22-23)

Die Liebe ist eine Frucht. Wir können diese selbstlose, göttliche Liebe nicht selbst »produzieren«. Aber wenn wir den Geist nicht dämpfen und betrüben (Eph 4,30), wird er diese Frucht in uns wachsen lassen. Einige Ausleger sind sogar der Meinung, dass man bei der Aufzählung der Geistesfrüchte hinter Liebe einen Doppelpunkt setzen sollte, weil die anderen genannten Früchte wie Freude, Friede, Langmut, Güte usw. alle aus der Liebe entspringen würden.

Auch Jesus wies angesichts der Frage nach dem größten Gebot auf die Liebe hin; und der Römerbrief betont, dass die Liebe sogar die Erfüllung des Gesetzes ist:

Er aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.« Dieses ist das große und erste Gebot. Das Zweite aber, ihm Gleiche, ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,37-40)

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Röm 13,10)

Ist die Liebe vielleicht ein Punkt, in dem auch wir als Gemeinde noch wachsen können?

Interessant an Jesu Antwort ist, dass Liebe – in biblischem Sinne – weit mehr ist als ein Gefühl. Sie umfasst den ganzen Menschen, das Herz, die Seele, den Verstand. Alles Denken, Fühlen und Handeln, alle Wünsche und Sehnsüchte sollen auf Gott ausgerichtet sein. Mit allem soll(t)en wir sein Wohlgefallen suchen und ihm Freude machen wollen. Nicht immer ist es leicht, nicht immer bereitet es Freude, Gottes Willen zu tun. Wenn die Gefühle »nicht mitziehen«, ist manchmal ein ganz bewusster Willensakt erforderlich, sich für das Richtige zu entscheiden. Deshalb wird auch der Verstand explizit erwähnt und in Mk 12,30 sogar noch »mit ganzer Kraft« hinzugefügt.

Auch im Philipperbrief wird deutlich, dass die biblische Liebe weit mehr ist als ein Gefühl. Sie ist mit Erkenntnis und Einsicht verbunden, denn nur, wer Gott gut kennt und Einsicht hat in seinen Willen, ist in der Lage, weise und einsichtsvoll Liebe zu üben und Gott mit seinem ganzen Leben zu ehren.

Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, damit ihr prüfen mögt, was das Vorzüglichere ist, damit ihr lauter und ohne Anstoß seid auf den Tag Christi, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes. (Phil 1,9-11)

Diese Verse zeigen sehr schön, dass es sich lohnt, nach überströmender Liebe zu streben. Es lohnt sich nämlich nicht nur für die Menschen, über die sich die Liebe ergießt. Vielmehr führt es auch dazu, dass wir selbst bei Christi Wiederkommen unanstößig sind und Gott verherrlicht wird. Was für ein herrlicher Ausblick und was für ein herrliches Ziel!

Lassen Sie mich schließen mit einer Geschichte von Helmut Thielicke:

Geliebt und unantastbar

Als ich zehn Jahre als war, hatten wir in unserer Klasse einen Jungen, den wir gar nicht leiden mochten. Er war ein Streben, ein Angeber und Versager bei unseren heftigen Prügeleien.

Eines Tages hatten wir – grausam und bedenkenlos, wie Kinder sind – beschlossen, ihm zu seiner Abhärtung eine Tracht Klassenhiebe zu verpassen. Als wir an dem betreffenden Morgen vor dem Schultor auf Einlass warteten, sahen wir, wie der Vater mit dem Jungen kam. Beide hatten an diesem Morgen offenbar den gleichen Weg. Der Vater war einer der angesehensten Männer meiner Heimatstadt, und auch wir Jungen hatten großen Respekt vor ihm. Vor dem Schultor verabschiedeten sich beide voneinander. Der Vater streichelte die Wangen des Jungen, strich ihm liebevoll über die Haare, sagte ihm gute Worte und drehte sich dann winkend noch mehrmals nach dem Jungen um.

Bei uns, die wir das beobachteten, trat eine eigentümliche Wirkung ein. Die geplanten Klassenhiebe unterblieben. Sicher nicht aus Angst vor dem Vater. Aber uns überkam eine merkwürdige Scheu, die uns bremste. Der Junge wurde von diesem Vater so geliebt. Da konnten wir uns nicht an ihm vergreifen.

Damals habe ich zum ersten Mal die Macht der Liebe erkannt und geahnt, was Gott mit dem Gebot der Liebe gemeint hat. Der letzte Grund dafür, dass wir unsere Mitmenschen lieben sollen, dass wir uns nicht an ihnen vergreifen, sie hindern oder ausnützen dürfen, ist, dass Gott sie liebt. Die Liebe Gottes zu den Menschen macht sie für unseren Hass unantastbar. Man würde sich an Gott selbst vergreifen, wollte man seinen Menschen schaden. Wir sind von Gott geliebt. Darum sind wir unantastbar. Von Gott Geliebte stehen auch unter seinem Schutz!